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Wissenswertes über Seide

Seit Jahrtausenden sind die Menschen von Seide fasziniert: Die Chinesen entdeckten vor 5'000 Jahren, wie man Seide herstellt. 3'000 Jahre lang konnten sie ihr Geheimnis hüten. Dann gelangte es nach Europa. Lange war Seide ein Luxusgut, das sich nur die Reichen leisten konnten. Egal, was aus der starken feinen Naturfaser Seide hergestellt wird - am Anfang steht eine kleine Raupe, der Maulbeerspinner.
Der so genannte Maulbeerspinner spinnt die Seide, die heutzutage überall im Handel ist. Es beginnt damit, dass der grau-gelbe Nachtschmetterling 200 bis 800 Eier legt. Nach etwa zehn Tagen schlüpfen aus den Eiern kleine, zwei bis drei Millimeter lange, schwarz behaarte Raupen. Während des Winters bewahrt der Züchter die Eier kühl auf. So schlüpfen die Raupen erst dann, wenn es warm ist und es genügend Nahrung gibt. Schon nach drei Tagen färbt sich die Haut der winzigen Raupen weiss. Die Maulbeerspinner häuten sich und fressen und fressen - und zwar, wie der Name schon verrät, ausschliesslich frische Blätter vom Maulbeerbaum. Nach vier Wochen und insgesamt vier Häutungen hat die Raupe das 40'000-fache ihres ursprünglichen Gewichts gefuttert. Jetzt ist sie ungefähr fingerdick. Die Verwandlung kann beginnen.
Bevor sich die Raupe verpuppt, spinnt sie erst einmal ein Seidengewirr zwischen Grashalmen und Zweigen. Das wird die Verankerung für den Kokon. Dieses Seidengewirr wird auch als Flockseide bezeichnet. Darin hängend spinnt sie nun einen Faden von rund 3'000 Metern Länge um sich herum. Die Raupe besitzt vier Drüsen an ihrer Unterlippe. Jeweils zwei Drüsen produzieren gleichzeitig einen Faden. Der besteht aus Fibrin, einem hornähnlichen Eiweiss, und ist mit Sericin, einem Leim, verklebt. Der Kleber wird auch als Seidenbast bezeichnet. Er enthält Pigmente, die den Farbton der Rohseide bestimmen.
Je nach Zucht können die Kokons kugelig sein, oval oder länglich, weiss, gelb, rosa oder grau. Eine Weile ist die Raupe darin noch aktiv, danach ruht sie. Man spricht in dieser Phase von der Puppe. Nach 18 Tagen würde normalerweise ein weisser, wollig-behaarter Schmetterling herausschlüpfen. Doch das verhindert der Züchter. Der Schmetterling würde nämlich den Kokon mit einem Sekret aufweichen und dann durchbeissen. Der Faden liesse sich nicht mehr vom Kokon abwickeln. Deshalb tötet der Züchter die eingesponnene Larve schon nach zehn Tagen. Schlüpfen dürfen nur die Maulbeerspinner, die zur Nachzucht verwendet werden.
Die Larven in den Kokons werden entweder mit Wasserdampf, mit Heissluft oder durch die Mikrowelle getötet. Anschliessend gibt es noch ein heisses Bad, damit sich der Klebstoff löst, der die Seidenfäden im Kokon zusammenhält. Dann erst kann der Faden abgewickelt werden. Je nach gewünschter Fadenstärke werden dabei zehn oder mehr der hauchdünnen Fäden zusammengefasst. Ein Kilo Kokons ergibt ungefähr 250 Gramm Seidenfaden.
Die oberste Schicht des Kokons kann man nicht abwickeln. Die Fasern sind wirr und kurz. Sie werden einfach abgezupft oder abgekämmt. Als sogenannte Florettseide kommt sie in den Handel und ähnelt Nessel- oder naturfarbenem Baumwollstoff. Was beim Kämmen übrig bleibt, wird auch noch verwendet. Das ist die Bouretteseide. Sie wird grob gesponnen, hat viele Noppen und ist stumpf. Ist die oberste Schicht des Kokons entfernt, beginnt das Abwickeln. Das Ergebnis ist Rohseide oder Bastseide. Sie glänzt nicht, ist wenig geschmeidig, aber dafür sehr fest.
Aus Rohseide können die verschiedensten Seidenprodukte hergestellt werden. Sie wird je nach gewünschter Qualität mehr oder weniger gründlich vom Bast befreit, das heisst vom Leim, der die Fäden verklebt. Das geschieht durch Abkochen in Seifenwasser. Je gründlicher die Seide 'entbastet' wird, umso stärker glänzt sie. Die hundert Prozent entbastete Seide ist die so genannte Glanzseide oder Cuite-Seide. Sie gehört noch heute zu den teuersten Seiden und wird zu Seidendamast, Atlasseide oder Seidenduchesse verwoben.
Seide, wie sie noch heute als Wildseide im Handel ist, liefert der Tussahspinner oder der Wildseidenspinner. Die Raupe verpuppt sich und schlüpft nach einiger Zeit als fertiger Schmetterling aus ihrem Seidenkokon. Dabei zerstört sie den Kokon und damit auch den fortlaufenden Faden. So kann die Seide nicht abgewickelt, sondern nur abgezupft werden. Sie ist ungleichmässig, matt und von Natur aus beige bis braun.


Eigenschaften von Seide:

  • Geringe Dichte,dadurch leicht und bequem
  • hHohe Formbeständigkeit
  • iIsoliert sehr gut, im Winter warm / im Sommer kühl
  • Reissfeste bekannte Naturfaser (reissfester als ein Stahlseil gleicher Dicke)
  • Schimmert und glänzt
  • Nimmt Farbstoffe sehr gut auf (Seidenmalerei, Färben)
  • Ausser in puncto Pflege ist Seide wohl einer der angenehmsten Faserstoffe der Welt

Fakten zur Seide:
  • Ein halbes Kilogramm Raupen frisst im Laufe seines Lebens bis zu 12'000 Kilogramm Maulbeerblätter.
  • Ein Seidenspinner verzehrt von seiner Geburt bis zur Verpuppung das 40'000-fache seines Körpergewichtes in Form von Maulbeerblättern.
  • Der Faden des Kokons hat eine durchschnittliche Breite von 20 Micrometer.
  • Für die Gewinnung von 1 Kilogramm Rohseide werden bis zu 10 Kilogramm Kokons benötigt.
  • Die Länge eines Kokonfadens kann mehr als 4'000 Meter erreichen.
  • Man benötigt über 25 Maulbeerbäume um ca. 3 Kilogramm Seide zu gewinnen.
  • Ein Seidenspinner kann bis zu 15 Metern pro Minute spinnen.
  • Der Seidenspinner steigert nach seiner Geburt innerhalb von 4 Wochen sein Körpergewicht um das 12'000fache.
  • Der Seidenspinner hat 4 Wochen nach der Geburt seine Grösse um das 25fache gesteigert.
  • Man benötigt für ein Kleid aus Seide fast 70 Kilo Maulbeerblätter.
Es ist also kein Wunder, dass Seide als eine der wertvollsten Fasern gehandelt wird.





Junger Maulbeerbaum



Maulbeerspinner (Bombyx mori) beim Fressen



Seidenkokons



Maulbeerspinner und Kokon



Seidenhasplerin
Quelle: Ausschnitt aus Abhaspeln der Seide, Das Buch der Erfindungen, Gewerbe und Industrien. Band 6. Leipzig, Berlin, 1874


Aufwickeln des Faden
Quelle: Kupferstich um 1779
aus: RECUEIL DE PLANCHES SUR LES SCIENCES ET LES ARTS - Tisserand - Paris 1772